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Erneuter Prozess am 31.07.2013 gegen Dogan Akhanli - Gerechtigkeit 2.0!

Erneuter Prozess am 31.07.2013 gegen Dogan Akhanli - Gerechtigkeit 2.0!

Autor: k.schampaul/Sonntag, 7. Juli 2013/Kategorien: Archiv

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Erneuter Prozess am 31.07.2013 gegen Dogan Akhanli - Gerechtigkeit 2.0!

Anstatt im Biergarten bei angenehmen Temperaturen zu sitzen und über Gott und die Welt zu schwadronieren, waren ca. 250 BesucherInnen in die Alte Feuerwache gekommen, um sich auf den neusten Stand der anstehenden Justizposse mit Dogan Akhanli und die Entwicklung des demokratischen Aufbruchs in der Türkei bringen zu lassen.

Eingestimmt wurden die BesucherInnen von der Band TNT, die es drauf hatten, mit nur drei Stücken eine beschwingte Atmosphäre zu schaffen. Keiner schaute verknispelt - wie sonst bei solchen Veranstaltungen üblich - im Saal herum, sondern Lächeln auf den Gesichtern spiegelte die entspannte Atmosphäre wieder.

Das Sopran-Saxophon gegen ein Mikrophon getauscht, begrüßte Albrecht Kieser als Moderator die BesucherInnen, zu seiner Rechten Ceren Akhanli und zu seiner Linken Berivan Aymaz (Bündnis 90 Die Grünen). Danach lud er alle im Saal ein, sich an der Podiumsdiskussion über die jüngsten Ereignisse im Istanbuler Gezi-Park und an anderen Orten in der Türkei zu beteiligen.

Ceren Akhanli bekam das Wort und erzählte über die Blitzreise, die sie mit einer Freundin im Mai nach Istanbul gemacht hatte. Was sie erlebte und die Schilderungen darüber vermochten nur im Ansatz die Wechselbäder ihrer Gefühle, von Glück durch (Zitat)„Höflichkeit im Endstadium“, oder Angst, durch Beschuss mit Gasgranaten ausgelöscht zu werden, wiederzugeben. Sie hatte Solidarität im Sinne von Menschlichkeit mit den ParkbesetzerInnen erlebt und erzählte uns von dem Mut eines 70 jährigen Mannes, der sich in der ersten Reihe vor die angreifenden Polizisten gestellt und diese angeschrieen hatte, keine Gewalt anzuwenden, und der im Anschluss daran mit seinen MitstreiterInnen von Wasserwerfern zurückgedrängt wurde. Kemalisten, die sich lauthals als die Soldaten von Kemal Attatürk bezeichneten und versuchten, die Park-Bewegung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, wurden einfach nicht erst genommen, sondern ausgelacht. Sie fand es erstaunlich und schön, dass dort so viele unterschiedliche Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft und jeder Altersstufe das Ziel hatten, den Park nicht aufzugeben und Widerstand zu leisten. Die Parkbesetzer sprachen sich gegenseitig Mut zu und stellten immer wieder die Frage: „Wozu das Ganze?“, bezogen auf die Gewalt und die Repressionen, denen sie sich ausgeliefert fühlten.      

Eine türkisch sprechende Frau aus dem Publikum ergänzte mit ihrer Geschichte über Ihre kranke Mutter in Istanbul und einer schnelle Reise dorthin, was sie dort Unvorstellbares erlebt hatte. Frau Berivan Aymaz übersetzte, so dass wir nicht türkisch verstehende Menschen im Saal der Geschichte sehr gut folgen konnten.
Wir hörten von ihren Vorurteilen gegenüber der jungen Generation, die nur im Internet oder auf ihren Smartphons unterwegs waren, und davon, dass diese besonders von der neoliberalen Wirtschaftspolitik in der Türkei profitierten. Die Erfahrung, die sie im Mai aus Istanbul mitgebracht hatte, zeichnete uns ein Bild von höflichen, mitfühlenden, interessierten, solidarischen und kritischen jungen Menschen, die sich für demokratischen Wandel und Grundrechte einsetzten. Der Wandel, der sich anscheinend in Istanbul vollzog, wurde für die Zuschauer im Saal spürbar. Sie freuten sich sehr darüber und applaudierten dankbar der sichtlich bewegten Zeitzeugin.               

Berivan Aymaz sprach über die Blöcke, AKP auf der einen Seite und Kemalisten auf der andern Seite, die in der Türkei und in Deutschland aktiv sind, und von der Hoffnung, dass eine NEUE politische Kultur aus der Vielfalt der Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Religionen und Neigungen entstehen könnte. Sie kritisierte das Schweigen der türkischen Medien gegenüber der ausgeübten staatlichen Gewalt, bezogen auf Demonstrationen, Tote, Verletzte und verhaftete BürgerInnen.

Dogan Akhanlis Kölner Rechtsanwalt Ilias Uyar berichtete, wie es zu der NEUEN Anklage am 31.07.2013 gegen Dogan gekommen ist und wieso die Türkei will, dass Dogan Akhanli der Türkei in Zukunft fern bleibt soll. Wir hören von der Absurdität, dass Dogan Akhanli der Kopf einer Terrororganisation sein soll, und dass derjenige, der unter Folter Dogan Akhanli belastet hatte, seine Aussage schon lange zurückgenommen hatte. Ilias Uyar wünscht sich, dass die Gesetze, die es in der Türkei für Strafverfolgung gibt, angewendet werden und weist uns darauf hin, dass ab Mai eine große Zahl von AnwältInnen verhaftet worden sei, weil sie sich für die Anwendung bestehender Gesetze in der Türkei eingesetzt hätten. Er wünscht sich außerdem von den UnterstützerInnen Solidarität und Öffentlichkeit, denn seiner Meinung nach kann nur dadurch ein politischer Prozess - wie schon einmal - gegen Dogan Akhanli verhindert werden.           

Dogan Akhanli liest aus seinem „Essay für Pinar Selek“, in dem es über seinen gefühlten Zustand im deutschen Exil geht. Er endet mit den Worten; „Kürzlich habe ich in einem Interview, das von Uli Kreikebaum am 10.01.2013 im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlicht wurde, behauptet, dass ich nicht mehr in der Fremde im Exil, sondern angekommen sei. Und mir ist dabei aufgefallen, dass ich seit meiner Freilassung in der Türkei weder einen Roman, noch Prosa, noch eine Kurzgeschichte auf Türkisch verfasst habe. Und ich frage mich jetzt, ob es Zufall ist, dass ich mein Monodrama „Annes Schweigen“ auf Deutsch geschrieben habe, oder ob es ein Hinweis ist, der mir zeigt, dass ich immer noch ein Stück im Exil bin, so wie meine Schwester Pinar“.

Die Zuschauer im Saal sind sichtlich bewegt über seine Worte und applaudieren.

Fatih Cevikkollu „Ich bin ´ne kölsche Jung“ betrat die Bühne und hatte sofort die Lacher auf seiner Seite. „Ich bin Komiker“ verkündet er beiläufig eingewoben, indem er Witziges und Ernstes zum Besten gab. Er schaffte es, uns zu vermitteln, dass mit Witz und Humor Solidarität erzeugt werden kann, und dass bei uns in Deutschland auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Er berichtete über seine Erfahrungen, die er im Mai in Istanbul gemacht hatte. Deutlich wird er, indem er von Unterschieden in der Türkei und in Deutschland berichtet, die die Menschen in ihren Ländern erleben. In der Türkei - so berichtet er - scheint Angst vor der Polizei normal zu sein, wohingegen in Deutschland mit der Polizei eher lässig umgegangen wird.

Ich ertappe mich dabei, froh zu sein, weil ich hier per Zufall geboren wurde und meine Freiheit auf fast allen Ebenen ausleben kann und wünsche mir dasselbe für die Menschen in der Türkei und allen anderen Ländern auf unsere Erde, die nicht so frei sind wie ich.

Die Veranstaltung endet mit Umarmungen und Hände schüttelnden AkteurInnen und BesucherInnen, die - wie es mir scheint - an dem wichtigen Thema dran bleiben werden.                           

  

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Ich bin Jahrgang 1949 lebe und arbeite in Köln Porz am Rhein.

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