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Die Utopie des Friedens

Die Utopie des Friedens

am Beispiel der Ukraine

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Die Utopie des Friedens (am Beispiel der Ukraine)

Die frühere und langjährige Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, die sich immer stark für eine Verständigung zwischen westlichen Demokratien und Russland eingesetzt hat und die auch deswegen von Vielen als Putin-Versteherin geschmäht wurde, gab wenige Tage nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine zu, dass sie sich geirrt habe. Ich zitiere:

„Ich war fest davon überzeugt, dass der Aufbau dieser gigantischen russischen Drohkulisse in den letzten Wochen und Monaten, so riskant und überzogen er auch sein mochte, einem einzigen Zweck diente: nämlich ernstzunehmende Verhandlungen mit dem politischen Westen zu erzwingen, um Russlands Sicherheitsinteressen endlich zum Thema zu machen. Ich habe mich geirrt.“ (Berliner Zeitung, 22.02.2022)

Wie viele von uns, die sich Jahre lang über das permanente Russland- bzw. Putin-Bashing empört haben, konnte sich auch Frau Krone-Schmalz ein solches Szenario wie das, das am 24. Februar 2022 seinen Lauf nahm, nicht vorstellen. Sie schrieb: „Nicht nur mit Blick darauf, was jetzt an Leid und Verwüstung folgt, bin ich fassungslos, sondern auch angesichts dieses Schlags ins Gesicht all derjenigen, die sich – teilweise gegen große politische Widerstände im eigenen Lager – auf den Weg nach Moskau gemacht haben, um diplomatische Lösungen für die tatsächlich vorhandenen Probleme zu finden. (…) … ein kalkulierter und geplanter Überfall auf die Ukraine – das habe ich nicht für möglich gehalten.“ (Ebenda)

In Anbetracht des grausamen Vorgehens Russlands in der Ukraine kann man sich nicht vorstellen, dass es in absehbarer Zeit zu Verhandlungen, und erst recht nicht zu einer friedlichen Lösung des Konflikts kommen kann. Der erste Schritt dazu wäre ja, dass Russland seine Streitkräfte vom ukrainischen Boden zurückzieht. Eine Willensbekundung in diese Richtung ist aber nirgends verlautet worden. Wenn man die Äußerungen diverser Reden Putins ernst nimmt, ist eher die komplette Vereinnahmung des Landes das Ziel.

Was bedeutet es, Pazifist zu sein in der Extremsituation des Ukraine-Krieges, die mittlerweile Hunderttausenden das Leben gekostet hat, in der mit einem Atomschlag gedroht wurde, die eine weltweite Nahrungsmittelkrise hervorgerufen hat und die nicht nur die an Russland angrenzenden Staaten in Angst und Schrecken versetzt hat?

Kann man wirklich mit der Utopie des Friedens der Realpolitik begegnen, wie Margot Käßmann und andere AutorInnen in ihrem Buch „Entrüstet euch!“ vorschlagen? Ich bezweifle dies stark. Klar: Solange es mir nicht persönlich an den Kragen geht, kann ich mir eine friedliche Welt wünschen und auch dafür kämpfen. Aber wie kann man Pazifist sein, wenn jemand eine Waffe auf einen richtet? Oder wenn der Nachbar überfallen wird? Oder wenn sich der Angreifer als Serientäter herausstellt, der sich bereits die nächsten Opfer ausgesucht hat? Das Prinzip der Abschreckung hat offenbar Jahrzehnte lang Schlimmeres verhindert. Aber die Ukraine steht quasi "blank" da.

Böse Ironie der Geschichte: Nach dem Zerfall der SU hat sie ihre Atomwaffen abgegeben. Offenbar ein großer Fehler; denn wer würde ein Land angreifen, das Atomwaffen hat?

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